Dobrý den Pilsen 2015

Posted on Okt 21, 2015 in Draussen, Leben

Grenzgedanken

Ich muss etwas weiter ausholen, denn wenn man Luftlinie nur 5 km von Tschechien entfernt aufwächst, macht man sich über die Bedeutung von Grenzen und das was auf der anderen Seite passiert, etwas mehr Gedanken:

Ist es nicht faszinierend, wie selbstverständlich der Bayerische Wald und Böhmen in den letzten 26 Jahren seit dem Fall des Eisernen Vorhangs – strukturell und in den Köpfen der Menschen – wieder zusammengewachsen sind? Es wird in einem zusammengehörenden Landstrich wieder gemeinschaftlich gelebt, wie es schon lange in der Geschichte der Fall war. Zwar sorgen Sprache (leider!) und Kulturkreis weiterhin für die notwendige Eigenständigkeit und interessanten Unterschiede, aber das macht einen Besuch im Nachbarland für mich immer noch spannend und ein wenig exotisch.

Vor allem hat Pilzen in dieser regionenübergreifenden Beziehung einen besonderen Stellenwert: es ist nicht nur das große Zentrum des westlichen Tschechiens, sondern mit nicht einmal 1,5 Autostunden Entfernung von Zwiesel tatsächlich auch die nächstgelegenste Großstadt. Und mit einer Fahrt dorthin beginnt auch bereits das Ausflugsvergnügen. Um genauer zu sein, nach dem Grenzübergang Bayerisch Eisenstein. Dann wenn Casinos, Rotlichtbars und Vietnamesenmärkte hinter einem liegen, sich die wunderbare Passstraße in Serpentien durch die menschenverlassene wildromantische Landschaft der nördlichen Šumava schlängelt. Diese mittlerweile hervorragend ausgebaute Route bietet genügend Gelegenheiten das Auge über die zuerst dichten Wälder und wilden Wiesen und später lichter werdenden Täler gleiten zu lassen.

Im Wandel

In Pilsen angekommen wirkt die Stadt zuerst ruhig und gelassen wie immer. Pilsen ist keine pulsierende Metropole und seine 168.000 Bewohner keine hektischen Großstädter. Sein Stadtbild ist wie das vieler ehemaliger Ostblockstädte: Eine Mischung aus historischen Bauten im K&K-Zuckerbäckerstil, gealterter Ostblockmodere, schmutzig-grauer Industrie- und Vorstadttristesse und natürlich einer herausgeputzten malerischen Innenstadt. Ihr Ruf galt bis zum Kulturhauptstadtjahr eher als ruhig, traditionell und bodenständig. Man kennt das gute deftige böhmisches Essen, die weltberühmte Pilsner Brauerei, die Škoda-Werke, den Zoo und die zweitgrößte Synagoge der Welt. Aber Pilsen ist auch große Universitätsstadt (sogar mit einer kleinen Designfakultät, die nach der dort geborenen Design-Legende Ladislav Sutnar benannt ist). Somit ist bereits ein guter Grundstock gegeben: es leben junge kreative Bewohner in der Stadt, die für positive Veränderungen und Modernisierungen offen sind.

Dennoch hat sich in der Stadt erst mit dem Kulturhauptstadtstatus wirklich spürbar etwas getan. Jetzt zeigt sie ganz offensichtlich ihre neuen Seiten: junge Bohemians (schöne Doppeldeutigkeit) erobern gerade die Stadt mit kreativer Gastronomie, unkonventionellen Veranstaltungsorten, Galerien und aussergewöhnlichen Aktionen. Und das ist in meinen Augen, neben den klassichen Schauplätzen und dem Rahmenprogramm der Kulturhauptstadt, bereits der eigentliche und größte Gewinn für die Stadt.

Für Geniesser

Wer Pilsen besucht, sollte also auch viel Zeit für gastronomische Erkundungen einplanen. Besonderes die aussergewöhnlichen Cafés und vegetarisch-veganen Bistros verlocken zu einigen Zwischenstopps im Tagesprogramm:

Le Frenchie – ein sehr stylisches Café mit schönem Außenbereich neben der Stadtbücherei. An den dort gegessenen Caramelkäsekuchen denke ich heute noch.
Bistro Kantyna – ein vegetarisches Bistro in der Nähe der Synagoge. Lecker, nett, günstig und sehr beliebt.
Supa Supa – Suppen haben in Pilsen Tradition und einen ganz besonderen Stellenwert. In diesem Bistro und Café wird das wunderbar kreativ interpretiert. Ein Hingucker: der große dekorative Birkenbaum mitten im Lokal.
Byro – ein kleiner und geschmackvoller Raw Food Imbiss.
Cafe Regner – das Café/die Bar liegt im ersten Stock über der Andel Bar. Hier ist lässiger Berlinstyle angesagt: improvisiertes Vintage-Mobiliar, junges Publikum, DJs am Abend, …
Kavárna Inkognito – eine originelle Mischung: Café, Gebrauchtbuchhandlung und Fotoatelier. Sehr gemütlich im Ost-Stil vergangener Tage eingerichtet.
Host’n’Host – eine lockere Mischung aus Café, Bistro und Bar von den Betreibern des Andels.
Bistro Satyr – bereits seit Jahren die vegetarische Institution in Pilzen.

Für Nachteulen

Auch abends muss man sich in Pilsen nicht langweilen. In Sachen Nachtleben und Live-Konzerte ist der Papirna Club der neue kulturelle Hotspot auf dem Gelände einer ehemaligen Papierfabrik.

Für Designshopper

Wer besondere Mitbringsel sucht und auf modernen Design-Nippes steht, sollte unbedingt im Original Design Shop vorbeischauen.

Für Kulturinteressierte

Zum Schluss der eigentliche Grund der Fahrt nach Pilsen: das immense Kulturprogramm, welches noch bis Ende 2015 in Daueraustellungen und temporären Aktionen läuft. Aber es macht wenig Sinn hier im Detail darauf einzugehen, denn auf der offiziellen Website kann sich jeder nach seinem Geschmack sein Programm zusammenstellen.

Ein paar meiner Highlights sollten trotzdem erwähnt sein:

Kreativzentrum Depot2015 – im ehemaligen Straßenbahndepot wurde mit der Kulturhauptstadt ein neuer Hauptspielort für tschechische Kunst und Design eröffnet. Hier begeistern unter anderem die unglaublichen Stahlskulpturen von Čestmír Suška und der von Werner Aislinger entworfene »Domus – ein Wallfahrtsort des Designs« mit zukunftsweisenden Werken tschechischer Designer. Ausserdem laden Artist in Residence Ateliers, ein Maker Space, und das Artist Café dazu ein, sich dort den größten Teil des Tages herumzutreiben.

Rock for People – das jährlich stattfindende Festival auf dem Depot2015-Gelände fiel dieses Jahr extra groß aus. Das besondere Konzept: Acts aus allen 28 europäischen Ländern im Line-Up zu haben. Headliner waren unter anderem Motörhead, Faith No More, Limp Bizkit, Pete Doherty, Parov Stelar.

Mehrere erstklassige audiovisuelle und interaktive Installationen, wie man sie sonst nur auf der Ars Electronica in Linz zu Gesicht bekommt, wurden übers Jahr ausgestellt:
Ryoji Ikedas Test Pattern No. 7 – digitale Daten aus unserer Umgebung in überdimensionale flackernde Barcodes übersetzt.
Michal Šebas ACUO – eine in der Innenstadt aufgestellte futuristische Skulptur, welche der Stadt zuhört, es künstlerisch verarbeitet und akkustisch und visuell wiedergibt. Auf der AudioVisualArt-Plattform Shape ist ein guter Artikel dazu.
Continuum: ein interaktives projiziertes Wandrelief des VJ-Kollektivs KinoCirkus

Ausserdem stellt die temporäre Galerie Vestredu regelmäßig sehenswerte Ausstellungen zu junger Kunst und Design auf die Beine.

Zum Schluss

Es bleibt zu hoffen, dass Pilsens Kulturszene nach diesem Jahr, auch ohne große EU-Fördergelder nicht an Schubkraft verliert. Es hat das Potential, einen Status erlangen, wie ihn zum Beispiel Linz (die ehemalige Kulturhauptstadt 2009) mittlerweile hat. Ihr ist Pilsen nämlich in vielem sehr ähnlich: die früher triste und eher uninteressante Industriestadt wurde zu einer sehr lebenswerten und einzigartigen Großstadt.

Noch mehr?

Über viele meiner Tipps und aktuelle Neuigkeiten in Pilsen schreibt auch der tolle Blog I can see you, Plzeň.

Einen nicht unerheblichen Anteil an der positiven Veränderung hat übrigens das hervorragende Pilsner Designstudio Petrohrad, welches mehrere der genannten Locations gestaltete.

Wer mehr von der jungen tschechischen Kreativszene wissen und sehen möchte, wird auf cake-czechoslovakia.com und soffamag.com fündig.

Übrigens: Wer Google Übersetzer benutzt, findet sich auch ohne Tschechisch-Kenntnisse auf den Webseiten halbwegs zurecht.

Bild © Daniel Reißner

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