In der Arbeit vieler Künstler und Kulturschaffender aus dem Bayerischen Wald fällt auf, dass für sie die Auseinandersetzung mit dem Begriff Heimat eine große Bedeutung hat. Die Ursachen dafür liegen nicht nur in der Suche nach Inspiration und Motiven im gewohnten Umfeld. Es ist das starke Bedürfnis, sich mit der eigenen Identität und den persönlichen Wahrnehmungen auseinanderzusetzen. In Vielem schimmert die Verarbeitung des eigenen Werdegangs und der Erfahrungen mit dieser im positiven wie im negativen sehr intensiven und eigenwilligen Gegend durch. Ob also in liebevoller Verklärung oder mit kritisch ungeschöntem Blick – das Aufwachsen, Anderssein, Weggehen, die Distanz, Unzufriedenheit, Rückkehr und die Suche nach den Wurzeln, den Eigenheiten, der Wertschätzung und der Geborgenheit – all das ist eine hervorragende Motivation für herausragende Kunst.
Bei der 1983 geborenen Fotografin und Journalistin Evi Lemberger ist es ebenfalls so. Sie ist waschechte Lamerin und dort auch, im hintersten Tal des Bayerischen Waldes, wieder zuhause. Zuvor studierte sie von 2005 bis 2011 in London Fotografie und war in den verschiedensten Ecken der Welt für Fotoprojekte und Reportagen unterwegs. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen namhaften Medien, wie Süddeutsche Zeitung, Zeit, Spiegel, Neon, Colors, Freunde von Freunden, u.v.a. veröffentlicht. Auch in ihrer Arbeit ist der starke Bezug zur Heimat Mittelpunkt und Motiv mehrerer Fotoserien. Zum Beispiel in »Zurück nach Lam«, einem Fotoprojekt von 2014 für das evangelische Magazin Chrismon. Eine kleine Auswahl dieser Bilder ist aktuell, zusammen mit Arbeiten des dänischen Fotokünstlers Mads Holm, unter dem Namen »Hoamat moi zwoa« noch bis 8. November im Nationalparkzentrum Haus zur Wildnis in Ludwigsthal ausgestellt.
Evi Lembergers Bilder von »Zurück nach Lam« sind subtile persönliche Motive aus ihrem direkten Umfeld. Sie lichtete nach ihrer Rückkehr alte, schon lange vertraute Orte und Dinge ab und portraitierte für sie wichtige Menschen, die ihre »Heimat« sind. Die in ihrem sachlichen und neutralen Stil gehaltenen Fotografien, zum Beispiel von Kaugummiautomaten, Fototapeten, alten Schlafzimmern oder Freundinnen und Verwandten, bestechen dabei nicht durch technische Raffinesse oder spektakuläre Komposition, sondern durch Ruhe und eine starke, zum Mitfühlen verleitende Direktheit und Authentizität.
Auch Mads Holms Bilder sind während eines Besuches im Bayerischen Wald entstanden. Der 24-jährige Kopenhagener ist eher ein Vertreter der jungen und progressiven Fotografie. Sie ist bevorzugt in Schwarzweiss gehalten und oft mit deutlichem Blitzlicht als Stilmittel. Über ihn ist zu lesen: »Interessiert am Absurden und Obskuren fotografiert er Orte oder Menschen, denen er etwas Geheimnisvolles verleiht. Wenn die Szene nicht mysteriös ist, neigt er dazu, sie mysteriös zu machen, durch die Art wie er sie fotografiert.« Die Motive der Ausstellung, zum Beispiel ein deplatziert wirkendes Jesu-Kreuz am Hauseck oder ein älterer Herr beim Luftballonschießen, sind tolle Fotos und sehr gekonnt fotografiert. Sie lassen auch interessanten Spielraum für Interpretation. Dennoch haben sie nicht die subtile Intensität wie Evi Lembergers Bilder, die über lange Zeit mit persönlichen Erinnerungen und Verbindungen aufgeladen sind. Die Situation scheint für Holm etwas paradox zu sein, denn wie kann ein »Gast« seine Eindrücke von einen Ort der nicht »seine Heimat« ist, mit diesem Begriff in Verbindung bringen?
Die Ausstellung »Hoamat moi Zwoa« ist, besonders in so einem wunderbar modernen architektonischen Gebäude wie dem »Haus zur Wildnis« präsentiert, sehr sehenswert und eine große Bereicherung für das Kulturprogramm im Bayerischen Wald. Meines Erachtens sollte in Zukunft den wechselnden Ausstellungen noch mehr Platz eingeräumt werden.
Das Bayerische Fernsehen hat Evi Lemberger gerade erst auch in »Jetzt mal ehrlich« von 5.10.2015 portraitiert. Die Sendung ist momentan in der Mediathek zu finden (ca. ab 35:40 Min.) Ihre Fotos sind hier im Netz zu sehen:
chrismon.evangelisch.de
br.de/fernsehen
cargocollective.com
Mads Holms Fotografie findet man im Netz unter folgenden Adressen:
fiblefable.com
madsholm.tumblr.com
Bild: © Daniel Reißner / Bildmotiv © Evi Lemberger